Devisen

Freier Fall unter Erdogan Warum die türkische Lira abstürzt

Die Lira hat kräftig an Wert verloren.

Die Lira hat kräftig an Wert verloren.

(Foto: REUTERS)

Die türkische Währung kennt derzeit nur eine Richtung: abwärts. Daran wird sich auch so bald nichts ändern. Der Grund dafür heißt Erdogan.

Das dürfte dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gefallen: Angesichts des Absturzes der Währung Lira und des Streits der Türkei mit den USA um einen festgehaltenen amerikanischen Pastor lässt ein Landsmann seinen wie "Dollar" klingenden Nachnamen ändern. Wie "CNN Türk" berichtet, hat Ferhat Dolar aus der Provinz Mugla beantragt, künftig Dalar heißen zu dürfen.

Seit Anfang des Jahres hat die Lira mehr als 40 Prozent zum US-Dollar verloren, im August hat sich der Absturz rasant beschleunigt. Erdogan macht dafür türkeifeindliche Kräfte verantwortlich. Dazu zählen wahlweise die US-Politik, Devisenspekulanten oder amerikanische Ratingagenturen.

Dass der Staatschef die Schuld nicht bei sich sucht, ist nachvollziehbar. Dennoch ist seine Analyse falsch. Der Verfall der Lira hat verschiedene Ursachen, sie sind zum Großteil hausgemacht.

Die Türkei hat in den vergangenen Jahren wirtschaftlich enorm davon profitiert, dass viel Geld aus dem Ausland in das Land geflossen ist. Das lag zu einem großen Teil an der ultra-lockeren Geldpolitik in den USA und der Eurozone. Weil das die Zinsen dort in den Keller drückte, suchten Investoren anderswo nach Rendite und fanden sie in Schwellenländern wie der Türkei.

Infolgedessen stiegen die Lira und die Aktienkurse an der Börse in Istanbul, türkische Anleihen erfreuten sich großer Beliebtheit. Türkische Unternehmen konnten sich günstig verschulden.

Kräftige Inflation

Doch seit einiger Zeit geht es in die andere Richtung, Geld wird aus der Türkei abgezogen. Ein wichtiger Grund ist die Zinswende in den USA, nun lassen sich auch dort wieder anständige Renditen erzielen. Das heißt: Anleger tauschen Lira in Dollar - damit fällt der Kurs der türkischen Währung. Anderen Schwellenländern ergeht es ebenso, ein Beispiel ist Argentinien.

Steigende Zinsen in den USA sind allerdings nicht die einzige Ursache dafür, dass Geld aus der Türkei abfließt und Anleger zögern, dort zu investieren.

Da ist zunächst die hohe Inflation, zu ihr hat der kreditfinanzierte Boom wesentlich beigetragen. Die Preissteigerung lag im August bei knapp 18 Prozent und damit noch höher als befürchtet. Die höchste Teuerungsrate seit 15 Jahren macht Investitionen in Lira nicht unbedingt attraktiv. Denn Anleger dürfen dadurch mit einer schnellen Entwertung ihres Geldes rechnen. Ein Teufelskreis: Die Inflation trägt dazu bei, dass Geld abfließt und damit die Währung fällt. Und die fallende Währung heizt die Inflation an.

Hinzu kommt, dass Investoren zunehmend fürchten, ihr Geld nicht zurückzubekommen. Türkische Unternehmen haben sich stark in Fremdwährungen verschuldet, als solche Kredite billig waren. Doch der schnelle Verfall der Lira ist nun ein massives Problem: Die Unternehmen erwirtschaften ihre Gewinne in immer schwächerer Lira und müssen damit Kredite in harten Devisen tilgen.

Die US-Großbank JP Morgan hat errechnet, dass die Türkei allein bis Mitte nächsten Jahres 179 Milliarden Dollar an Auslandsschulden zurückzahlen muss. Das entspricht fast einem Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Der Löwenanteil dieser Kredite fällt auf den privaten Sektor, darunter vor allem Banken. Bei etwa der Hälfte der Verbindlichkeiten sieht JP Morgan ein Finanzierungsrisiko.

Boom auf Pump

Vergangene Woche stufte die Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit von 18 türkischen Banken herab und begründete das mit "finanziellen Risiken". Nach Einschätzung der US-Investmentbank Goldman Sachs könnte der Lira-Verfall die Kapitalpuffer der türkischen Banken aufzehren. Mit anderen Worten: Es dürfte für türkische Unternehmen teurer werden, Kredite aufzunehmen. Und das bedeutet, dass sie weniger investieren können und sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt. Auch das macht es unattraktiver, in der Türkei zu investieren.

Als wäre das noch nicht genug, verzeichnet die Türkei ein großes Leistungsbilanzdefizit. Um das zu finanzieren, ist das Land, dessen Währungsreserven ein bedenklich niedriges Niveau erreicht haben, dringend auf das Geld ausländischer Investoren angewiesen. Doch die halten sich zurück. Es wird für die Türkei immer teurer, ein Wirtschaftswachstum auf Pump zu finanzieren. Die Deutsche Bank rechnet damit, dass die Türkei in eine Rezession abgleitet.

Erschwerend kommt hinzu, dass US-Präsident Donald Trump Sanktionen verhängt hat und droht, im Streit um einen in der Türkei festgehaltenen US-Pastor nachzulegen.

Zugleich trägt Erdogan durch seine autokratische Politik dazu bei, dass das Vertrauen von Investoren in die Türkei sinkt. So machte er seinen Schwiegersohn zum Finanzminister und gab der Zentralbank deutlich zu verstehen, sie möge auf Zinserhöhungen verzichten. Erdogans Rückhalt in der Bevölkerung ist auch auf das hohe Wirtschaftswachstum zurückzuführen, er will es deshalb nicht abwürgen.

Zentralbank zögert

Dabei müsste die Zentralbank allerdings die Zinsen erhöhen, um der Inflation und dem Verfall der Währung entgegenzuwirken. Doch die versucht, einen solchen Schritt unter allen Umständen zu verhindern - und untergräbt so ihre Glaubwürdigkeit.

Ein weiterer Grund für den Lira-Verfall: Es wächst die Befürchtung, dass die Türkei Kapitalverkehrskontrollen einführen wird und Investoren dann nicht mehr uneingeschränkt auf ihre Vermögenswerte zurückgreifen können. Die Regierung dementiert zwar entsprechende Pläne. Doch allein die Gerüchte sorgen dafür, dass Geld aus der Türkei abfließt.

Derzeit sieht es nicht danach aus, als werde sich das bald ändern. Ferhet Dolar dürfte dafür Verständnis haben. "Ich kann die Haltung der USA gegenüber der Türkei nicht akzeptieren", sagt der 48-Jährige. "Und es stört mich, wenn die Menschen mich wegen meines Nachnamens beleidigen."

Quelle: n-tv.de


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